Es gab eine Zeit, da bin ich einmal in der Woche zum Gitarrenunterricht gegangen. Dabei kam es durchaus vor, dass ich zwischen zwei Unterrichtsstunden nicht genug Zeit zum Üben hatte – oder manchmal auch einfach zu faul war, das gebe ich hier mal ganz offen zu. Trotzdem hörte ich meine Lehrerin nach dem ersten Vorspiel oft sagen: „Prima, das ist doch im Vergleich zum letzten Mal sehr viel besser geworden.“

 

Hä? Wie soll das denn gehen, wenn ich gar nicht geübt hatte? Hatte ich aber doch, nämlich mental. Und das funktioniert mindestens genauso gut, wie das „echte“ physische Üben. Genau darum geht es in diesem Artikel.

Das bringt dir mentales Üben

Bevor wir zum eigentlichen mentalen Üben kommen, will ich dir kurz aufzeigen, was du davon hast, wenn du es anwendest. Die Vorteile sind echt vielfältig:

 

  • Du verbesserst deine musikalischen Fähigkeiten.
  • Du verbesserst deine Konzentrationsfähigkeit.
  • Du musst dich nicht lange warm spielen.
  • Du beugst Verspannungen vor.
  • Du überwindest „Angststellen“ in einem Musikstück.
  • Du kannst leichter auswendig spielen.
  • Du beugst Lampenfieber vor.
  • Du bekommst ganz allgemein mehr Sicherheit im Instrumentenspiel.

 

Am effektivsten ist es, wenn du mentales und physisches Training immer im Wechsel betreibst. Beide ergänzen sich idealerweise. Mentaltraining kann praktisches Üben in bestimmten Situationen durchaus ersetzen. Ich bin allerdings eine Verfechterin der Kombination beider Techniken. Mentales Training ist aber auch gerade dann sehr „praktisch“, wenn du wenig Zeit hast oder Wartezeiten überbrücken willst, z. B. beim Arzt.

Entspannt geht’s besser

Im sogenannten Alpha-Zustand fällt dir das mentale Üben am leichtesten. Diesen Zustand erreichst du allerdings nur, wenn du entspannt bist – was im normalen Alltag eher selten der Fall ist. Deshalb empfehle ich dir, dich mit einer Technik vertraut zu machen, mit der du einen entspannten Zustand erreichen kannst. Beliebte Entspannungsverfahren im Coaching sind das Autogene Training, die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen und geführte Phantasiereisen. Wie diese Techniken funktionieren, habe ich an dieser Stelle in einem Artikel beschrieben.

 

Vielleicht magst du eine oder sogar alle drei Methoden einmal ausprobieren und schauen, ob sie für dich passen. Du kannst aber auch etwas finden, was besser zu dir passt. Eventuell liegen dir bestimmte Atemübungen mehr oder auch das gepflegte „Abzappeln“ zu deiner Lieblingsmusik. Erlaubt ist, was gefällt und dich entspannt.

Sehen, Hören oder Fühlen

Beim mentalen Üben geht es um Vorstellungsarbeit. Es umfasst nicht nur das bildliche Visualisieren, sondern auch die Vorstellung vom Klang der Töne und von Bewegungsabläufen. Das funktioniert so:

 

Du stellst dir die Passage, die du mental üben willst, bildlich vor, indem du entweder das Notenbild vor deinem geistigen Auge erscheinen lässt oder du schaust dir selbst dabei zu – quasi in der Rolle eines externen Beobachters- wie du die entsprechende Passage mit deinem Instrument spielst. Außerdem hörst du dir in deiner Vorstellung an, wie die Passage richtig klingt.

Zusätzlich kannst du dich darin üben, den richtigen Ablauf zu fühlen. Du stellst dir also z. B. vor, wie sich deine Finger auf den Saiten deiner Gitarre bewegen, an welcher Stelle sie wann und wie lange liegen bleiben, usw.

 

Du kombinierst beim mentalen Üben also mehrere Sinneswahrnehmungen. Und genau darauf kommt es im Mentaltraining an – das ist das Erfolgsgeheimnis 😉

Mentales Üben in der Praxis

So, jetzt geht es endlich ans Eingemachte 😉 Es ist Zeit, dir konkrete Übungen vorzustellen. Ich habe mal zwei herausgepickt, die ich selbst sehr gerne mag und auch bei meinen Klienten regelmäßig anwende. Los geht’s!

 

Nehmen wir mal an, du willst eine bestimmte Passage in einem Musikstück üben. Zunächst sorgst du dafür, dass du in einem entspannten Zustand bist. Dazu kannst du eine der Techniken nutzen, die ich weiter oben beschrieben habe. In diesem entspannten Zustand schaust du dir nun die gewählte Passage auf dem Notenblatt an.

Lies dir die Passage Note für Note durch und stelle dir gleichzeitig den Bewegungsablauf und den Klang der Noten vor. Wenn es dir hilft, kannst du dabei auch leicht deine Finger bewegen, so als würdest du dein Instrument spielen. Wie beim praktischen Üben ist es auch hier wichtig, zunächst in einem langsameren Tempo mental zu üben. Stelle dir deine Bewegungen und den Klang der Noten so detailliert wie möglich vor. Versuche, dich so richtig reinzufühlen.

Anschließend spielst du die Passage dann ein- bis zweimal im vorher vorgestellten Tempo durch. Den Ablauf kannst du solange wiederholen, wie du Zeit und Lust hast bzw. solange deine Konzentration ausreicht. Wichtig ist, mit einem positiven Durchgang abzuschließen.

Mehr Tempo

Wenn du eine Song-Passage zunächst langsam eingeübt hast und diese gut sitzt, kannst du nun das Tempo erhöhen. Dazu empfehle ich dir die Unterstützung durch ein Metronom.

Zu Beginn stellst du das Metronom so ein, dass die Passage sehr langsam gespielt werden muss. Versuche nun mit geschlossenen Augen, die Noten im Kopf durchzuspielen. Anschließend kannst du den Abschnitt im selben Tempo praktisch üben.

Im nächsten Schritt folgt wieder eine mentale Übungsphase. Du spielst die Passage zwei- bis dreimal mit Unterstützung des Metronoms durch – am besten mit geschlossenen Augen. Dann spielst du einen mentalen Durchgang, bei dem du dir die Noten anschaust.

Spiele die Passage nun „in echt“ mit deinem Instrument auswendig durch – OHNE Metronom. Wenn das gut funktioniert, kannst du das Tempo Zug um Zug erhöhen und die vorgenannten Schritte dabei immer wieder durchführen.

Beide Techniken sind praxiserprobt, leicht zu erlernen und sehr effektiv. Natürlich gibt es noch viele weitere spannende Methoden des mentalen Übens. Diese alle aufzuzählen würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen. Wenn du mehr zum Thema erfahren willst, empfehle ich dir diese beiden Bücher:

 

Üben mit Köpfchen von Linda Langeheine

Mentales Training für Musiker von Renate Klöppel

 

Du kannst mich natürlich auch gerne kontaktieren und mich mit Fragen löchern. Und wenn du dir fürs Üben praktische und mentale Unterstützung wünschst, solltest du natürlich erst recht bei mir anklopfen 😉

Ach übrigens: Ich habe meiner Gitarrenlehrerin natürlich „gebeichtet“, wenn ich nicht zum praktischen Üben gekommen bin. Sie hat mir die Wirkung des mentalen Trainings daraufhin bestätigt und mich darin bestärkt, weiterhin beides zu praktizieren. Ich hoffe, du findest genauso viel Freude am mentalen Üben wie ich. Ich wünsche dir viel Spaß beim Ausprobieren!

Jetzt bin ich aber neugierig: Wie vertraut ist dir mentales Üben? Was hat es dir bisher gebracht? Schreib‘ mir gerne einen Kommentar, ich bin gespannt 🙂

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